Angedacht
Wie wirkt das Bild auf der Titelseite auf dich? Findest du es naiv oder wie aus der Zeit gefallen? Tatsächlich trifft beides zu: Es gilt als naive Malerei und ist fast 200 Jahre alt. Ist auch der Bibeltext, der dem Bild zugrunde liegt, naiv? Der steht im Buch Jesaja Kapitel 11, Vers 7: „Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinander liegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind.“ Dieser Vers wurde als Monatsspruch für Dezember gewählt. Auch der Monatsspruch für November stammt aus dem Prophetenbuch Jesaja. Er ist er wohl noch bekannter und klingt für viele Menschen nicht weniger naiv: „Der HERR wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erleben nicht mehr den Krieg.“ (Jesaja 2, 4)
Wie passen diese Worte in unsere Zeit, in diese Welt? Wie kann ich heute von diesen Visionen des Propheten sprechen, der vor 2700 Jahren lebte? Könnte der Frieden, der „Schalom“ Gottes, den der Prophet mit diesen Bildern beschreibt in unserer Welt wahr werden?
Als mir diese Fragen durch den Kopf gingen, erinnerte ich mich an das Bild auf der Titelseite. Es stand mir buchstäblich vor Augen. Vor etwa fünfzehn Jahren stieß ich auf diese bildliche Darstellung von Jesaja 11, 6-8. Gemalt hat sie Edward Hicks; vermutlich im Jahr 1834. Er nannte sein Werk „The Peaceable Kingdom“ – „Das friedliche Königreich“. Hicks ist für seinen naiven Malstil bekannt, der zu den folkloristischen, der sogenannten Folk-Art zählt. „The Peaceable Kingdom“ ist sein bekanntestes Motiv. Er malte etwa einhundert unterschiedliche Versionen der Szene. Keines der Bilder gleicht dem anderen in allen Details. Mehr als sechzig verschiedene Darstellungen sind heute noch erhalten. Die Darstellung auf der Titelseite findet sich in der Gallery of Art in Washington D.C., USA.
Edward Hicks zeigt das friedliche Zusammenleben ehemals verfeindeter Tiere wie Wölfe, Lämmer, Panther und Löwen – inmitten von Kindern. Die Ulmen gelten als Symbole des Friedens. Mehr im Hintergrund, auf der linken Bildseite, ist eine bedeutsame historische Szene zu sehen. Sie zeigt den Quäker William Penn und Vertreter des indigenen Volkes der Lenni Lenape; von den europäischen Siedler:innen Delaware(n) genannt. Sie sind gerade dabei, einen historischen Friedensvertrag zu schließen, der zur Gründung des Staates Pennsylvania führt. Für den Quäker Edward Hicks spiegelte diese Szene die irdische Verwirklichung göttlicher Harmonie wider.
Penn wagte das „heilige Experiment“, wie er es nannte. Er setzte ein Regierungssystem in Kraft, das auf Geschwisterlichkeit und persönliche Freiheit für Siedler:innen und indigene Ureinwohner:innen beruhte. Es sollte die Lenni Lenape vor Alkohol und Enteignung schützen. Weil die neuen Bewohner die Landabtretungsverträge einhielten, blieb Pennsylvania von Überfällen indigener Ureinwohner verschont. Ein ungewöhnlich liberales Wahlrecht und volle Religionsfreiheit zeichneten den Staat aus. So wurde er zu einer Zufluchtsstätte für Angehörige religiöser Minderheiten, die in Europa verfolgt oder diskriminiert wurden. Dazu gehörten neben Quäkern etwa Hugenotten, Mennoniten, Amische, Böhmische Brüder und Juden. Auch Lutheraner und Katholiken, die in anderen amerikanischen Kolonien kein volles Bürgerrecht hatten und von dort vertrieben wurden, fanden in Pennsylvania Zuflucht.
Penn wagte das „heilige Experiment“, wie er es nannte. Er setzte ein Regierungssystem in Kraft, das auf Geschwisterlichkeit und persönliche Freiheit für Siedler:innen und indigene Ureinwohner:innen beruhte.
Es war damals „normal“, das Land mit Gewalt einzunehmen und die indigene Bevölkerung zu vertreiben oder zu unterwerfen. Ist Penn naiv? Oder ist sein „heiliges Experiment“ seiner Zeit weit voraus und zukunftsweisend? Heute gilt William Penn als einer der Wegbereiter amerikanischer Freiheitsideale. Er wollte einen gemeinsamen Lebensort für Menschen unterschiedlicher Nationen und Religionen schaffen. Damit schrieb der visionäre Staatengründer und Pazifist Weltgeschichte. Der naive Maler hat mir vor Augen gestellt, welche Kraft die Vision des Propheten entfalten konnte. Sein Bild zeigt mir, wie sie den Staatsgründer William Penn inspiriert hat, dieses „heilige Experiment“ zu wagen.
Und der Prophet selbst? Jesaja musste miterleben, wie die Assyrer andere Völker brutal und grausam unterdrückten. Sie erhängten oder pfählten ihre Feinde, schlugen ihnen die Köpfe ab oder zogen ihnen bei lebendigem Leib die Haut ab. Jesaja musste mit ansehen, wie die Assyrerkönige Salmanassar V. und Sargon II. das Nordreich Israel eroberten und die Hauptstadt Samaria im Jahr 722 vor Christus dem Erdboden gleich machten.
Ist es naiv, angesichts solcher Erfahrungen zu fordern „Schwerter zu Pflugscharen und Lanzen zu Winzermessern“? Oder war Jesaja seiner Zeit voraus? Es wäre doch sinnvoll, wertvolle Rohstoffe und menschliche Arbeitskraft nicht für Krieg und die Vernichtung von Menschenleben einzusetzen, sondern für die Produktion von Lebensmitteln und die Ernährung der Weltbevölkerung.
Jesaja erlebte nicht mehr, dass seine Visionen Wirklichkeit wurden und die Welt friedlicher wurde. Doch sie blieben lebendig. In den 1980er-Jahren waren Aufnäher und Aufkleber mit der Aufschrift „Schwerter zu Pflugscharen“ für mich und viele andere eine biblische Inspiration und ein sichtbares Bekenntnis: Ich trete für Abrüstung ein.
Seit den 80er-Jahren wurde nur selten abgerüstet. Und die Welt ist seither wohl kaum friedlicher geworden. Der Staat Pennsylvania war und ist kein Paradies. Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, fällt mir auf, dass die Jahreslosung 2027 ebenfalls aus dem Buch Jesaja stammt. Sie steht etwas weiter hinten, im zweiten Teil des Buches, in Jesaja 41, 10: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott.“ Das macht mir Mut, weiter am Reich Gottes mitzuarbeiten und mich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Könnte das heute unser „heiliges Experiment“ sein?
Steffen Peterseim