Von Walen und Menschen
In den vergangenen Wochen haben viele von uns mit großer Rührung auf die Ostsee vor Wismar geblickt. Ein Wal hatte sich in die seichten Gewässer verirrt und eine stille Anteilnahme ausgelöst. Zahlreiche Menschen verfolgten sein Schicksal, Experten waren unermüdlich im Einsatz, um das Tier zu schützen. Während ich diese Zeilen schreibe, ist sein Weg noch nicht zu Ende, der Wal hat die offenen Gewässer noch immer nicht erreicht.
Es war bewegend zu sehen, wie viel Mitgefühl und gemeinsamer Einsatz möglich sind, wenn ein Lebewesen in Not ist. Diese Bereitschaft, zu helfen, ist etwas zutiefst Menschliches und Kostbares. Doch während ich diese bewegenden Bilder betrachtete, regte sich in mir auch ein leiser und sehr nachdenklicher Gedanke. Ich fragte mich ganz im Stillen, wo dieser großartige Elan bleibt, wenn es nicht eine Flosse im Wasser ist, die unsere Hilfe braucht, sondern die ausgestreckte Hand eines Menschen.
Wir erleben in diesen Zeiten leider immer wieder, dass Menschen an den Grenzen Europas oder auf den gefährlichen Wegen ihrer Flucht im übertragenen und eigentlichen Sinne stranden. Aber anders als bei dem Wal in der Bucht mischen sich in unsere Bereitschaft zu helfen oft Sorgen oder politische Fragen und manchmal leider auch eine gewisse Müdigkeit des Herzens. Dabei hat Gott uns doch die gesamte Schöpfung in unsere Obhut gegeben. Dazu gehört der majestätische Wal im tiefen Meer ganz genauso wie der Mensch, der in seiner Not Schutz bei uns sucht. In der Heiligen Schrift finden wir keinen Hinweis darauf, dass unsere Liebe zum Nächsten an eine Herkunft oder an einen Reisepass gebunden sein sollte. Im Matthäus-Evangelium werden wir sehr eindringlich daran erinnert:
Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ (Matthäus 25:35)
Gottes Wille ist es wohl vor allem, dass wir das Leben dort schützen, wo es am zerbrechlichsten ist. Wenn wir als Gemeinschaft die Kraft aufbringen, ein tonnenschweres Lebewesen mit so viel Technik und Liebe zurück in sichere Gewässer zu geleiten, wie viel mehr sollte es uns dann eine Herzensangelegenheit sein, unseren Mitmenschen eine sichere Bucht und ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Der Wal vor Wismar hat uns auf wunderbare Weise gezeigt, wozu wir fähig sind, wenn wir unser Herz öffnen. Wir besitzen die Energie und das Mitgefühl und wir können als Gemeinschaft Großes vollbringen. Lasst uns diesen wertvollen Schwung aus Wismar mit in unseren Alltag nehmen. Gott bittet uns nicht nur darum, die Natur in der Ferne zu bewahren. Er ruft uns dazu auf, uns beherzt für den Menschen direkt an unserer Seite einzusetzen. Dabei sollte es keine Rolle spielen, wie weit und beschwerlich sein Weg war, bevor er schließlich an unserem Ufer ankam.
Tanja Eggers